Jungadler in der Tigerhöhle von Batumi (Georgien)

Batumi (Georgien) am Schwarzen MeerMit dem Bundesadler auf der Brust bewähren sich seit letzten Montag am östlichen Rand des Schwarzen Meeres im georgischen Batumi die beiden jungen Schachsportler Steffen Rätzke von Stoyentin und Spartak Grigorian bei ihrem ersten Versuch auf einer großen internationalen Meisterschaft, der European Youth Chess Championship 2010 der European Chess Union oder kurz ECU, flügge zu werden.

Zur Stunde bestreiten unsere SBOO'ler im Nationaltrikot gerade die vorletzte von insgesamt neun Runden in ihren jeweiligen Altersklassen, Steffen in der U10 und Spartak in der U12, sodass ein kleiner „Rückblick“ auf die Europameisterschaft hier bereits erlaubt sei.


Als Vierter der Deutschen Meisterschaft 2010 wurde Steffen Ende Juni von der Kommission für Leistungssport vom DSB in der Altersklasse U10 für Batumi nominiert. Bedeutete diese Nominierung für den äußerst trainings- und spielfleißigen Emder bereits eine große Anerkennung seiner hervorragenden Entwicklung in diesem Jahr (s. beispielsweise den DWZ-Gewinn von über 400 Punkten seit Januar), so erhoffte sich der Gewinner des 4. Princess-Cups insbesondere nach seinem starken Auftritt beim Apoldaer Schachopen im Anschluss an den EM-Vorbereitungslehrgang sicherlich wohl etwas mehr als den momentanen Score von „nur“ knapp unter 50%.

Steffen Rätzke von Stoyentin

Wirft man jedoch einen Blick in die Turnierkarteikarte des Seeadlers vom Dollart, so wird schnell klar, dass er um die fette Punktebeute mit hungrigen Tigern zu kämpfen hatte, in deren Heimat ausgerechnet Schach, wie Berti Vogts es jüngst formulierte, die Sportart Nummer Eins ist. Im Laufe des Turniers zog Steffen in der Schweizer Lotterie von den elf Aseris im 78-köpfigen Teilnehmerfeld dann auch gleich vier auf sich. Das schlichte Endergebnis von „Emden vs. Aserbaidschan“ von 1 - 3 nach der frühen 1 - 0 „Führung“ in der Auftaktrunde spiegelt die eigentlichen Partieverläufe allerdings nur unzureichend wider ... denn mit etwas mehr Weit- und Scharfblick in der Variantenberechnung hätte der Jungadler den Kaspischen Schachtigern durchaus den einen oder anderen weiteren Fleischbrocken aus dem Punktetopf stibitzen können.

Nicht weniger populär als im Nachbarland ist natürlich auch Schach in Georgien. Und gegen zwei der Spieler mit Heimvorteil gelang Steffen im Endeffekt ein verdientes 1 - 1. Seinen dritten und vorerst letzten Punkt ergatterte er gegen den Israeli Gil Barak.

Update: In der Vorschlussrunde verlor unser Jungadler jetzt leider gegen einen VFranzosen mit dem vermeintlich verdächtigen Vornamen „Vassili“, sodass er Morgen gegen den nun dritten georgischen Gegner seinen bisherigen Score von knapp unter 50% nur noch mit einem Sieg ins Ziel retten kann.


Dass der amtierende Deutsche Vizemeister in der Altersklasse U12 schon etwas vertrauter mit den kaukasischen Schachkünsten sein sollte, ergibt sich allerdings nicht allein nur aus seiner Abstammung. So konnte Spartak in den großen Ferien beim Internationalen Jugendopen im armenischen Jermuk mit einem ausgezeichneten 5. Platz glänzen und diese sommerliche Frühform bis Apolda konservieren.

Spartak Grigorian

Kleinere Zweifel an der Umsetzbarkeit der recht gewagten Prognose von GM Thomas Pähtz, dass der „Armenische Adler Löwe“ auf dem Treppchen landen könnte, kamen dem Autor jedoch spätestens bei der Norddeutschen Vereinsmeisterschaft. Denn hier war schon nicht mehr die unbedingt konzentrierteste Seite des Wildeshausers zu beobachten. Keine optimalen Voraussetzungen also, um im Kampf gegen die Sibirischen (?!) Tiger aus Russland bestehen zu können, was sich dann auch ergebnistechnisch in Spartaks Leistungsnachweis wiederfinden lässt.

Zwar vertändelte Spartak gegen Egor Kuzmin in der zweiten Runde in einer sehr aussichtreichen Mittelspielstellung ziemlich unnötig zunächst „nur“ den Ballbesitz, sprich die Initiative, und nach einem weiteren Endspielschnitzer die letzten Remisressourcen ... aber der zweite Russe führte dann dafür unseren Löwen bereits in der Eröffnung kräftig auf's Glatteis und dementsprechend heftigst vor im restlichen kurz und knackigen Spielverlauf. Mag sein, dass Spartak hier noch mit sich selbst und der vorherigen Niederlage gegen den Georgier Noe Tutisane haderte. Anlass dazu hätte er jedenfalls gehabt, wenn denn die Informationen aus Batumi stimmen sollten, dass die eigentlich garantierte Gewinnstellung glatt kaputt geblitzt wurde.

Den aufgestauten Frust bekam in Runde Nr. 7 dann ein weiterer Georgier zu spüren, der dem Hörensagen nach im wahrsten Sinne des Wortes mit Haut und Haaren aufgefressen wurde. Schau'n mer mal, ob Morgen der Rachedurst des Löwen noch groß genug sein wird, um nach dem heutigen Remis in der Schlussrunde endlich ein russisches Tigerfell erbeuten zu können.


Nicht unerwähnt bleiben soll natürlich an dieser Stelle, auch wenn sie einem südniedersächsischen „Schachhorst“ entstammt, Fiona Sieber. Die junge Göttingerin stellt sich innerhalb der überschaubaren deutschen Delegation in Batumi schließlich am geschicktesten im Schlagen ihrer Beute an und kann Morgen in der Altersklasse Girls Under 10 ihren Höhenflug hoffentlich mit einer Landung in den vorderen Top-10 abschließen. Drücken wir die Daumen und wünschen ihr scharfe Krallen!

Fiona Sieber

Last not least noch eine kurze Auflistung der bisherigen überregionalen Berichterstattung im Web auf: